Auf ihrem kommenden zweiten Album „Kontakt“ (VÖ: 22.1.2016) sprechen FJØRT Klartext. Gefühle und Meinungen sind schnörkellos verpackt. Wir haben mit Chris (Vocals, Gitarre), David (Bass) und Frank (Schlagzeug) telefoniert und über das ein oder andere Thema der neuen Platte gesprochen.

VC: Unsere Leser haben das Album ja noch nicht gehört. Könnt ihr erklären, welche Unterschiede es zur „D’Accord“ gibt?

David: Wir haben uns nach „D’Accord“ wirklich gefragt, was denn da jetzt noch kommen soll. Da war nämlich alles drauf, was wir in diesem Moment konnten. Textlich, wie musikalisch – besser wäre das einfach nicht geworden. Die Frage war also: Was wollen wir denn jetzt machen? Und was können wir machen? Es dauerte wirklich lang, bis wir dann die ersten Songs geschrieben haben, die dann auch eher wie eine B-Seite von „D’Accord“ klangen. Man hörte keine Weiterentwicklung. Dann achteten wir auf ein paar spezielle Sachen: Wie verständlich ist ein Text? Also von der Aussprache her … Wie hört sich ein Riff, das man anfangs gut findet, noch geiler an? Vielleicht wenn man es ein paar Monate liegen lässt? Nach zwei/drei Monaten waren wir dann im Schreibfluss, haben uns viel Zeit genommen. Dann bildeten sich neue Strukturen, was Texte und Musik angeht.
Chris: Wir mussten so lange daran arbeiten, bis wir selbst davon überzeugt waren, etwas Neues gemacht zu haben, also quasi nicht noch einmal die gleiche Platte geschrieben haben. Wir wollten uns für uns verbessern.

VC: Auf „D’Accord“ waren die Themen der Texte etwas … naja … auf persönliche Dinge bezogen. Jetzt geht es mehr um Politik und öffentliche Themen. Wie ist es dazu gekommen?

Chris: Das Album handelt noch immer zum Großteil von zwischenmenschlichen Themen. Aber Songs wie „Paroli“ oder „Abgesang“ sind Themen, die sich so ins Bewusstsein gedrängt haben, dass einem nichts anderes übrig blieb, als das mal in einem Text zu kanalisieren. Die Anschläge in Paris im Januar und vor ein paar Wochen noch mal das Gleiche …
Ich war selbst in Paris, als der Anschlag auf Charlie Hebdo verübt wurde. Am selben Abend habe ich den Text geschrieben. Das Thema des religiösen Fundamentalismus beschäftigt mich schon lange und dieser Wille für ein höheres Wesen seinesgleichen umzubringen. Als ich dann so nahe dran war, sprang der Funke über, mit dem ich das in Worte fassen konnte. Zu „Paroli“: Diese ganze Pegida-Geschichte hat sich im letzten Jahr so hochgeschaukelt, dass der David den Stift in die Hand genommen hat.
David: Wir werden wegen des Songs jetzt oft gefragt: Seid ihr eine politische Band? Den Anspruch haben wir nicht. Es gibt da andere Bands, die das wesentlich besser können, als wir. Wir wollen verschiedene Problempunkte aufwerfen, der Zuhörer soll darüber nachdenken. In „Lichterloh“ heißt es ja „Bitte sei für mich, was ich bin für dich“, das versteht jeder und kann das auf 27 Sachen in seinem Leben projizieren. Bei anderen Themen geht das nicht. Ich kann faschistisch denkenden Menschen nicht sagen: Ja, dein Ansatz ist ganz gut, aber in den und den Punkten bitte überdenken. Das geht nicht. Weil das schwachsinnige Menschen sind, die nicht in unsere Gesellschaft passen sollten. Deswegen sind diese Texte so genau, da wird eine relativ klare Meinung ausgedrückt, Gefühle, die in einer Demo aufgefangen wurden. Den Leuten wird klar gesagt: Du kommst halt bis hier, aber keinen Schritt an uns vorbei. Und genau das kann man nicht metaphorisch ausdrücken. Jeder, dem das zu nahe geht, sollte sich auch nicht mit FJØRT beschäftigen.

 

Wir würden nie den Anspruch erheben und sagen, dass wir jetzt das neue politische Sprachrohr Deutschlands sind.

 

VC: Du hast gesagt, dass ihr keine politische Band seid. Wird es denn, unter gegebenen Umständen, weitere politische Songs von euch geben? 

David: Als Künstler schreibst du ja über Dinge, die dich beschäftigen. Und wir schreiben generell eher über Dinge, die uns negativ beschäftigen oder aufstoßen. Kann morgen wieder passieren. Das kann auf der nächsten Platte mehrere Tracks lang so sein. Aber wir würden nie den Anspruch erheben und sagen, dass wir jetzt das neue politische Sprachrohr Deutschlands sind.

VC: Habt ihr euch denn mal Gedanken darüber gemacht, dass es die Leute auch gegen euch aufbringen könnte?

David: Das wäre sehr gut, das würden wir sehr begrüßen. Ich würde mich freuen, keine ONKELZ- oder FREIWILD-Shirts auf unseren Konzerten zu sehen, bzw. ich werde das konsequent verhindern. Mit diesen Menschen will ich nichts zu tun haben, es sei denn, sie treten in einen Dialog mit mir und sagen: Der Song hat mich zum Umdenken bewegt. Euer Text hat mir die Augen geöffnet.
Chris: Ich möchte auch noch ein mal klarstellen, dass wir mit „Abgesang“ nicht meinen, dass Religion durchweg schlecht ist. Was mich einfach in völligem Unverständnis lässt ist, dass Leute für ihre Überzeugung andere Leute töten. Das ist der Punkt, der mir völlig fremd ist und den ich nicht nachvollziehen kann.

VC: Ihr habt als erste Single mit Video den Song „Lichterloh“ auserkoren. Warum?

David: Ich höre das Wort Single ja gar nicht gerne. Also ich weiß, dass das so heißt, aber es ist ein Song der Platte, der auf keinen Fall nur für sich stehen sollte. Wir schickten unseren Bookern immer sehr viele Songs von uns. Wir hatten „Anthrazit“ und „Lichterloh“ für sie hochgeladen, weil wir die gut fanden. Und dann kamen direkt Mails: „Was ist das für ein unfassbarer Refrain?“. Dann kam die Entscheidung: Lass uns den probieren. Eine Videoidee war auch schon da. Das haben wir dann probiert und es hat geklappt, würde ich mal sagen.

 

Wir haben immer so „kranke-shit-Videoideen“.

 

VC: Du hast grad gesagt, die Idee für das Video war direkt da. Was ist denn die genaue Message hinter dem Video?

Chris: Das Video ist ziemlich nahe am Text und den verbildlicht. Es geht ja darum, dass eine Person von einer anderen missachtet wird. Die eine Person verlässt sich auf die andere, fällt dann aber sehr tief und wird dann quasi angezündet. Und das kann man eben gut verbildlichen, indem eine Person die anderen anzündet und die Person dann lichterloh brennt.
David: Wir haben immer so „kranke-shit-Videoideen“. Das tut uns auch immer super Leid. Aber ich stehe einfach nicht auf belanglose Videos, die sehe ich jeden Tag. Punkt ist: Es wissen einfach wenige, dass täglich in Pakistan mehrere Frauen am Herd in Flammen aufgehen, weil der Mann eine neue Frau hat oder die Mitgift nicht hoch genug war. Wir haben drauf gewartet, dass die Leute sich über das Video beschweren. Aber wir wollten uns damit befassen und solche Themen bildlich darstellen. Wir stehen eben auf extreme Videos und das ist uns meiner Meinung nach gut gelungen. Ich habe die Augen der Frau und des Mannes länger im Kopf, als irgendeinen Teil der Strophe.

VC: Kam denn eine Rückmeldung, dass das Video zu hart ist?

David: Nein, aber du machst dir als Band viele Gedanken. Wir wollen die Leute ja auch zum nachdenken anregen und auch das Leben von anderen zu überdenken. Ich glaube keiner unserer Fans hat gedacht: Geil, da wird jemand abgefackelt, SAW IV! Aber jeder hat gecheckt, wo das ganze emotional hinführt. Und das ist die viel tiefere Reichweite. Und das ist rübergekommen.

VC: Was sind eure Lieblingstracks auf der Platte?

David: Jeder sagt einen!
Chris: Ich glaube, dass jeder sein Gewicht irgendwo hat und etwas sehr persönliches Verarbeitet hat. Für mich ist „Anthrazit“ ein sehr bedeutungsschwerer Song, weil das aus einem Gespräch entstanden ist, das ich persönlich geführt habe. Ich glaube, dass „Lebewohl“, der Schlusstrack, auch ein sehr starkes Ausrufezeichen ist.
David: Zu „Lebewohl“ haben wir auch ein Video gedreht. Das war eine sehr krasse Erfahrung. Wir haben mit zwei älteren Schauspielern zusammengearbeitet und ich denke, dass man den Song erst bis ins kleinste Detail verstehen wird, wenn man das Video dazu gesehen hat. Musikalisch gesehen ist „In Balance“ ein toller Einstiegssong. Jeder hat uns davon abgeraten, aber wir dachten, dass er perfekt ist. Wir sind gespannt auf die Reaktion auf einen so ruhigen Einstieg. Sonst ist der erste Song ja immer so „Baller-Baller“, alles ist dick und laut. Wir haben versucht es anders zu machen.
Frank: Ich bin damit d’accord!

Kontakt“ erscheint am 22. Januar 2016 über Grand Hotel van Cleef. Eine Review zum Album folgt in Kürze.

Über den Autor

In der Schule konnte man mich mit der Analyse von Musik jagen. (An dieser Stelle ein großes "Dankeschön" an Herrn Opel und Herrn Arndt. Danke für's Miesmachen.) Mittlerweile habe ich aber doch gemerkt, wie viel Spaß man mit dem Hören, Analysieren und Bewerten von Musik haben kann. Von mir gibt's die komplette Bandbreite: Von Folk über Pop-Punk bis hin zu Metal und Hardcore.

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